Zum Vatertag

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Lieber Papa

Wir haben uns schon lange nicht mehr gesprochen .
Das letzte mal war es am 18 Dezember letzten Jahres .
Am 19 wolltest du ja nicht auf mich warten bis ich im Hospiz war .
Die Schwester rief uns um kurz nach 6 morgens an und meinte das du keinen Bock mehr hast im Hospiz zu bleiben und du gehen wolltest .

Du wolltest vor dem Sch…Krebs fliehen , der innerhalb von dreieinhalb Wochen deinen kompletten Körper angegriffen hat .
Wir sprangen aus dem Bett und machten uns schnellstens auf den Weg zu dir .
Als wir um kurz nach sieben bei dir ankamen lag nur noch deine körperliche Hülle auf dem Bett .

Du sahst sehr entspannt aus.

Wir sassen noch stundenlang an deinem Bett . Wir wollten uns nicht von dir verabschieden , aber wir mussten es .

Beim schreiben dieser Worte schiessen mir schon wieder die Tränen in die Augen.

Ich weiss , du möchtest nicht das ich traurig bin , aber manchmal kommt es einfach über mich.

Ich kann mich nicht damit abfinden das du nicht mehr da bist .

Ich vermisse dich , wir alle vermissen dich so sehr .

Manchmal wünsche ich mir das du wiederkommst , ich weiss das das nicht geht .

Ich habe so viele Fragen , auf die nur du mir eine Antwort geben könntest .

Du sagtest in der Zeit in der du im Krankenhaus lagst häufig : “ Vertragt Euch ! “

Das sagtest du zu mir , wie auch zu deiner Partnerin , mit der du schon über 20 Jahre zusammen warst .

Ich kenne sie ja nun auch schon so lange , aber ihren wahren Charakter habe ich leider erst nach deinem Tod kennengelernt .

Papa , ich bin menschlich so enttäuscht , das kannst du dir gar nicht vorstellen . So , wie diese‘ Grand Dame‘ , hat mich noch niemand in meinem Leben enttäuscht .

Ich bin mir ziemlich sicher das das so wie alles abgelaufen ist , garantiert nicht in deinem Sinne war .

Ich weiss nicht ob du das mitbekommen hast , also erzähl ich es dir mal.

24 Stunden nach deinem Tod haben wir uns in deiner Wohnung getroffen .

Ihr beide , du und die ‚ Grand Dame ‚ wart ja lange zusammen , aber ihr habt immer getrennt gewohnt , was ich heute auch verstehen kann. Es wird wohl seinen Grund gehabt haben.

Also , wir trafen uns in deiner Wohnung , denn wir wollten gemeinsam zum Bestatter gehen .

Tja , ‚ Grand Dame ‚ war ja auf meinen guten Willen angewiesen , den ich bis Dato wirklich hatte .

Denn dadurch das ihr nie zusammengelebt und schon gar nicht verheiratet wart , hätte sie alleine NICHTS entscheiden können und dürfen.

Ich sah das zu diesem Zeitpunkt noch alles ganz locker .

Sicher sollte SIE mit entscheiden , wie deine Beerdigung abzulaufen hat , welche Blumen , welche Urne usw.

Du hast uns noch zu Lebzeiten gesagt , das du eigentlich anonym beerdigt werden möchtest und so ‚preiswert‘ wie möglich , aber da SIE ja ein Grab bräuchte zu dem sie hingehen kann , wärest du auch damit einverstanden in IHR Familiengrab zu kommen , wo bereits IHRE Mutter und ihr Vater liegen.

Damit war ich auch einverstanden.

Ich wollte eigentlich den Bestatter wählen , der in der Nähe deiner Wohnung ist , SIE wollte aber unbedingt einen anderen .

Na gut , mir war das auch nicht wirklich wichtig welcher Bestatter deine Beerdigung macht , also nahmen wir den , den ‚ Grand Dame ‚ ausgesucht hatte .

Wir fuhren dort hin . Die Bestatterin war sehr nett und gefühlvoll. Es war eine sehr gute Wahl.

Wir suchten gemeinsam eine Urne für dich aus , wir wählten die Blumen , wir besprachen mit der Bestatterin wie deine Beerdigung ablaufen soll.

Es gab bis dahin keine Diskussionen SIE und ich waren uns einig , uns gefiel das gleiche .

Dann ging es darum die Verträge zu unterschreiben . Ich unterschrieb alles , SIE wollte zwar alles mit entscheiden , aber die Kosten …die sollte ich alleine tragen .

Naja , so schlimm fand ich es nicht , denn für meinen Vater mache ich das gerne .

Was ich dann aber , dank eines Hinweises von David nicht unterschrieben habe , ist die Verlängerung und die damit verbundenen Kosten ihres Familiengrabes .

Ich bin froh das David dabei war , denn ich war zu diesem Zeitpunkt etwas wirr im Kopf.

Auch die Bestatterin meinte dann zu IHR , das es ja IHR Familiengrab ist und das SIE dafür zuständig ist.

‚Grand Dame ‚ machte einen auf entsetzt und meinte : Selbstverständlich übernehme ich das und unterschrieb.

Auf dem Weg zu deiner Wohnung meinte SIE das wir uns die Kosten  teilen.

Kaum in deiner Wohnung angekommen , wir wollten wichtige Unterlagen zusammen suchen , legte sie mir deine Sparbücher vor und einen Zettel.

Sie hatte sich schon alles schön vorsortiert , das hat man gemerkt .

Zu den Sparbüchern meinte sie , das das eine EUCH BEIDEN gemeinsam gehört und das sie die Hälfte davon haben möchte .

Komiscch war nur , das im Sparbuch NUR DEIN Name , lieber Papa stand .

Ich war ja immer noch friedlich gestimmt und sagte nur , das was dir gehört , bekommst du natürlich auch .

Dann klappte ich den Zettel auf und begann zu lesen.

Ich konnte es nicht glauben!

Ich fiel aus allen Wolken!

Das war ein Kreditvertrag , zwischen Dir und Ihr . Du hast dir angeblich im Jahre 2012 , 5000 Euro von ihr geliehen und bis zu diesem Zeitpunkt nicht zurück gezahlt .

Das konnte ich einfach nicht glauben !

Ich las diesen Text wieder und wieder . Mir fehlten die Worte!

Du hast dir 5000 Euro von ihr geliehen????

Du? Wo du dein ganzes Leben immer strikt gegen Kredite warst und auch strikt dagegen warst sich privat Geld zu leihen?

Das konnte ich einfach nicht glauben , zumal du zu diesem Zeitpunkt wesentlich mehr Geld auf deinen Sparbüchern hattest , als diese 5000 Euro!

Warum in alles in der Welt , solltest du dir 5000 Euro geliehen haben , obwohl du selber wesentlich mehr gespart hattest?

Irgendwie kam mir das komisch vor!

‚ Grand Dame‘ merkte wohl das ich daran zweifelte und fragte :‘  Ist noch was? Das Geld möchte ich natürlich wieder haben und wie du im Vertrag lesen kannst , ist es spätestens 6 Wochen nach dem Tod fällig und von DIR zurück zu zahlen! ‚

Ich las mir den läppischen Vertrag zum wiederholten Male durch und tatsächlich , ich was da als Bürge eingetragen , aber ohne mein Wissen und ohne meine Unterschrift !

Das das rechtlich so gar nicht zulässig ist , war ihr wohl nicht bewusst.

Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte .

Ich war mir auch nicht wirklich sicher ob das wirklich deine Unterschrift war , denn ‚ normalerweise ‚ unterschreibst du etwas anders .

Die Stimmung zwischen uns beiden kippte damit natürlich etwas .

Ich wollte mich nicht an deinem Tod bereichern , ganz bestimmt nicht , aber es wäre schön gewesen wenigstens die Bestattzung von deinem gesparten zu zahlen. Wenn ‚ Grand Dame ‚ alles bekommt , was sie verlangt , das waren die ‚angeblichen 5000 Euro , plus die Hälfte des einen Sparbuches , würde noch nicht mal für die Bestattung genügend übrigbleiben .

Du kennst mich … und wie du dir wahrscheinlich denken kannst ….wenn ich meine das irgnd etwas rechtlich nicht so richtig ist , frage ich jemanden der es besser weiß und das war in diesem Fall einen Anwalt .

Tja , du wirst lachen , ich hab mit sage und schreibe DREI verschiedenen Anwälten gesprochen.

Was die im einzelnen gesagt haben , schreibe ich jetzt hier nicht nieder , einen Anwalt kanntest du persönlich selber und der hat mir auch zu meinen folgenden Schritten die ich etwas später hier noch schreibe geraten.

Nun gut . Wir waren ja noch in deiner Wohnung , aber ich hatte den Kopf so voll , ich konnte und wollte jetzt nicht weiter Unterlagen zusammen suchen .

Wir machten uns auf den Heimweg.

‚ Grand Dame ‚ blieb noch in deiner Wohnung , für sie war es wohl gut , denn so hatte sie noch Zeit zu sortieren .

Tja , es fehlten nämlich Dinge , die vorher garantiert noch da waren . David hat das ein oder andere gesehen , was später weg war .

Papa , SIE hätte ja nehmen können was sie wollte und was ihr wichtig ist , ich wäre der letzte gewesen der etwas dagegen gehabt hätte , aber nicht auf solch eine hinterlistige Art .

Sie bestritt natürlich irgend etwas mit genommen zu haben.

Egal , ich war traurig genug , das du nicht mehr da warst und wollte mich einfach nicht über solche Dinge ärgern.

Ich wollte erst einmal die Bestattung hinter mich bringen …und dann würden wir weiter sehen.

Ich hatte Wut im Bauch , aber ich riss mich zusammen , ‚ Grand Dame ‚ kam zu uns nach Hause , damit wir die Trauerrede besprechen konnten.

Ich schrieb und hielt die Trauerrede selber , ich hoffe das hat dir gefallen . Ich erzählte aus deinem ganzem Leben und zum Schluss trug ich noch ein Gedicht , ganz persönlich von mir für dich vor .

Dir gefiel ja eigentlich immer die Art wie ich schreibe und manchmal auch dichte .

Der Tag der Beerdigung war gekommen .

Ich war fertig ! Fix und fertig ! Ich trank Lavendeltee zur Beruhigung , literweise und ich nahm pflanzliche Beruhigungspillen um das alles gut zu überstehen.

‚ Grand Dame ‚ sagte uns an dem Tag der Beerdigung noch nichtmal ‚Guten Tag‘.

Erst als wir zu ihr hingingen , sie stand da mit einer Gruppe Frauen zusammen und wir ihr die Hand reichten, bekam sie ziemlich schwer die zwei Worte Guten Tag über die Lippen.

Das war ja wohl ein Witz!

Die Beerdigung nahm ihren Lauf . Du hattest sehr viele Gäste . Einige kannte ich von früher , einige nur vom Hörensagen , einige gar nicht .

Auch deine gesamte ehemalige Firma in der du bis zu deiner Rente beschäftigt warst ist gekommen und alle sprachen ihre Anteilnahme aus.

‚ Leichenschmaus‘ gabs für mich nicht. Ich konnte das nicht und ich hoffe du kannst das verstehen.

‚ Grand Dame ‚ hatte auch schon frühzeitig angemeldet das SIE den Leichenschmaus veranstalten wollte , zu dem auch nur geladene Gäste Zugang hatten. Ich liess sie machen.Ich hätte es eh nicht gekonnt , aber ich war auch eh nicht geladen.

David , die Kinder und ich standen noch sehr sehr lange alleine an deinem Grab.

Achso , das hatte ich ja ganz vergessen zu erwähnen.

Nach dem Heckmeck mit der Grand Dame , ging ich zur Bestatterin und änderte etwas . Ich wollte nun nicht mehr , das du in IHR Familiengrab kommst , aber damit SIE ein Grab hat , liess ich dich auch nicht anonym bestatten , wie du es eigentlich wolltest , sondern ich liess dir ein eigenes Grab machen.

Ich hätte dich eigentlich viel lieber hier in meiner Nähe gehabt , aber , du bist Kölner und du gehörst auf einen Kölner Friedhof , nämlich den , wo auch die meisten deiner Freunde liegen .

Ich durfte mir den Platz wo dein Grab ist aussuchen und ich hab ungefähr die Stelle genommen , wo auch früher deine Mutter lag , ich hoffe dir gefällt das . Der Grand Dame , gefällt das nicht , aber für mich war wichtig , das ich mit meiner fehlenden Orientierung das Grab auch finde wenn ich alleine zum Friedhof fahre .

Der Tag der Beerdigung war überstanden und wie ging es nun weiter .

Einen Tag nach der Beerdigung rief Grand Dame an , sie wolle einige Dinge die ihr gehörten au dem Keller holen.

Also, entschuldige Papa , aber bei mir ist das Fass übergelaufen . Wer mir noch nicht mal Guten Tag sagen kann und sich so verhält wie SIE sich verhält , kann mich auch mal anders kennen lernen.

Ich sagte ihr : Liebe …., Du hast es noch nicht mal nötig die Tageszeit zu sagen und ich möchte einfach nicht mehr mit dir sprechen. Dieses letzte Gespräch mit ihr , erledigte dann David , der wie du weisst , ja immer noch freundlich und nett sein kann.

Dann war ein paar Wochen Ruhe .

Ich regte mich sehr über die ganze Situation auf , ich war traurig , ich war wütend , ich war enttäuscht . Richtig trauern konnte ich erst nach der Beerdigung und ich trauer auch immer noch .

Es tu mir leid , aber momentan habe ich alle Bilder von dir in den Schrank geräumt , denn ich muss nur weinen wenn ich sie betrachte .

Ich habe angefangen zu malen , diese Art zu malen würde dir garantiert nicht gefallen , aber mir hilft es , es ist einfach beruhigend .

Kurz bevor die 6 Wochen seit deinem Tod umgegangen waren , erhielt ich einen Brief , per Einschreiben mit Rückschein.

Post von ‚Grand Dame‘

Sie erinnerte mich daran , das ja nun die 6 Wochen abgelaufen sind und ich ihr umgehend die 5000 Euro bezahlen sollte .

Dieses nahm ich dann zum Anlass , dein Erbe auszuschlagen ! Sicher , ich hätte ihr von deinem Geld die 5000 Euro geben können …aber da ich wirklich daran zweifel ob das alles so richtig ist , überlasse ich das lieber der Anwältin , die deinen Nachlass verwaltet .

Ich glaube das du das verstehen kannst , oder?

Wir , das heisst ich und die Kinder sind sofort zum Nachlassgericht um das Erbe nicht anzunehmen , dies teilte ich auch der Grand Dame mit , die sich in dieser Angelegenheit nun mit der Nachlassverwalterin auseinandersetzen kann.

Wie gefällt dir eigentlich dein Grabstein. Ich finde als UR Kölner , musste das unbedingt eine Zeichnung vom Dom , Hohenzollernbrücke und vom Rhein drauf .

Ich hoffe dir gefällt das.

Heute ist Vatertag . Ich wünsche dir alles Gute zum Vatertag .

Du warst der beste Vater , Opa und Schwiegervater . Wir denken und sprechen viel von dir.

Wir lieben dich!

Normalerweise hätten wir uns heute bestimmt im Garten getroffen , du hättest uns bestimmt wieder kulinarisch verwöhnt und David hätte das ein oder andere Bier , oder Wein mit dir getrunken,

David stösst heute trotzdem mit dir an!

Prost Papa!

Mach et jut! Ich hoffe du hast jetzt wieder Spass!

Ich hab dich lieb!

Nix ist mehr so , wie es mal war !

Deine Tochter Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leben und Tod

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Das Leben ist angenehm , der Tod ist friedlich,
es ist der Übergang der schwierig ist ! ‚

Mein Vater hat den schwierigen Part geschafft !

Für ein Kind dessen Vater stirbt , stirbt die Vergangenheit ‚

Meinen allergrößten Dank an das Palliativ Team des Dr.Mildred Scheel Hauses in Köln .
Danke für die liebe , fürsorgliche , einfühlsame Begleitung .

Anja

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Schicksalsschläge

Gedanken

Ein Mensch bekommt die Diagnose RetinitisPigmentosa .
Eine  erbliche Augenerkrankung die zur allmählichen Erblindung führt .
Dieser Mensch hat Angst vor der Erblindung !

Für den Mensch ist das Thema Blindheit lange ein Tabuthema!

Er wollte davon nichts wissen .
Jahrzehntelang versucht der Mensch so weit es möglich ist dieses Thema zu vermeiden.

Er hatte wohl Glück . Die Augenerkrankung schritt bei ihm nicht so fort wie bei den meisten .Sein Gesichtsfeld schränkte sich nur von oben und von unten etwas ein .

An den Seiten sah er noch genug um sein Leben ganz normal weiter zu führen. Sogar Auto fahren war nie ein Problem zumindest tagsüber . Bei Dunkelheit ging es wegen der Nachtblindheit nicht mehr.

Mittlerweile lebt dieser Mensch schon jahrzehnte mit RP .Er lebt ein zufriedenes glückliches Leben .

Jetzt bekommt dieser Mann im Rentenalter (72) , plötzlich , von heut auf morgen , die Diagnose Krebs .
Nicht nur ein Krebs , sein Körper ist übersäht von Krebs , viele Organe sind schon betroffen , Magen , Bauchspeicheldrüse , Lunge , Niere , Gehirn und Gewebe.Ausserdem befindet sich noch ein Blutgerinsel kurz vor dem Herzen.

Seine Lebenserwartung ist nicht mehr hoch , es handelt sich um ein paar Wochen oder längstens um ein paar Monate .

Das wird ihm klar gesagt und das ist ihm auch bewusst !

Er kann es zwar zunächst nicht glauben , denn vor wenigen Wochen war die Welt noch in Ordnung . Alles munter , alles fit.

Es macht ihn zwar auch traurig und es ist schlimm , aber diese Diagnose kann und muss er akzeptieren . Leicht ist es bestimmt nicht .

Nun zurück zu dem Thema Blindheit .

War es nicht total vergeudete Zeit Angst vor der Blindheit zu haben ?
Jahrelang ….
Er bekam die Diagnose RP mit den Worten ‚ sie werden wahrscheinlich erblinden ‚ vor ca 25 Jahren.
Erblindet ist er nicht . Nach seiner grauen Star OP hat er Adler Augen , sein Gesichtsfeld ist lediglich nach oben und unten etwas eingeschränkt .
Diese Augenerkrankung verursacht keine Schmerzen und man stirbt auch nicht dran !

Nun nochmal , für alle RP Betroffenen und alle die denken ‚ Blindheit ist das schlimmste ‚  :
Es gibt viel schlimmeres als zu erblinden!

Und auch für anderweitig eingeschränkte mit Behinderungen ….
Man muss einfach akzeptieren wie es ist und trotz allem das Beste daraus machen !

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Der Mann von dem ich oben sprach ist mein Vater .
Ich hatte und habe immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater .

Er ist der Mensch der mir am ähnlichsten ist .
Es ist der Mensch der mit mir den ähnlichsten sarkastischen Humor hat und der einzigste , der auch so eine  , manchmal auch als unfreundliche interpretierte direkte  Art hat wie ich .☺
Bei meinen Besuchen im Krankenhaus erzählte er mir sehr viele alte Familiengeschichten .
Einige kannte ich , einige nicht .

Seine Mutter , meine Oma ist sehr früh an Krebs gestorben , im Alter von nur 50 Jahren .

Sehr überrascht und berührt war ich als ich vor einigen Tagen erfuhr wie ähnlich ich vom Charakter und von der Art her seiner Mutter bin .

Ich frag mich schon seit Jahrzehnten wo ich meinen Reise und Rumtreibereitrieb herhabe ? :mrgreen:
Ich liebe Reisen , ich liebe Ausflüge .
Am liebsten , heute hier und morgen dort .

Meine Eltern sind beide nicht so .
Sie verreisten nie länger als 14 Tage und hatten auch nie das Bedürfnis woanders zu leben , geschweige denn aus ihrer Stadt weg zu ziehen .

Nun ja , nun weiss ich warum ich so bin wie ich bin , es sind die Oma Gene .

Mein Vater , er war immer sehr aktiv und sehr selbstständig .

Ihm ging es in den letzten Wochen sehr sehr schlecht .

Langsam wirds etwas besser . Er kann wieder ein paar Schritte laufen , ist aber auf verschiedene Hilfsmittel angewiesen .

Er möchte unbedingt nach Hause . Nächste Woche wird er entlassen.

Pflegestufe beaanragt. Hilfsmittel wie Rollstuhl , Rollator , Krankenbett..werden nächste Woche geliefert .

Er möchte unbedingt wie bisher alleine leben .
Ich habe zwar gar kein gutes Gefühl dabei , aber ich muss es wohl akzeptieren , denn er will weder mich noch seine langjährige Partnerin bei sich wohnen haben .

Auch die Alternative , das er zu uns kommt zogen wir in betracht , aber das geht ja mal gar nicht für ihn , aus Köln weg zu ziehen .

Er wird einen Notruf Knopf bekommen . Wir werden ihm helfen soweit er es akzeptiert und werden ihm seine begrenzte Zeit so schön wie möglich und so wie er es möchte machen .

Es ist schlimm , leider kann es niemand ändern .

Wir haben viele Höhen und Tiefen .
Wir weinen zusammen , aber trotz allem lachen wir auch zusammen .

Er hat trotzdem noch Humor !
Das ist einfach toll und bewundernswert !

Wir reden über gemeinsam erlebte Dinge und Unsinn den wir gemeinsam gemacht haben .

Z.b..Hat er mit mir als Kind aus der dritten Etage am Fenster vorbeigehende Leute mit Wasser bespritzt

Er hat mir mir gemeinsam einen Kinderroller zu Bruch gefahren.

In jedem gemeinsamen Urlaub ist er mit mir reiten gegangen, obwohl er gar nicht wirklich reiten kann.

Er kaufte mir damals Roller Skates und liess mich im Parkhaus die Berge runter fahren . ( Ich hätte das meinen Kindern niemals erlaubt )

Zu meiner Gesellenprüfung musste ich ein Haarteil anfertigen . Bevor es ans knüpfen ging , musste die Gaze auf einem Holzkopf vernäht werden . Nähen war nie mein Ding . Ich verlor die Geduld , schmiss den Holzkopf quer durchs Zimmer und meinte dabei : Ich mach diesen Scheiss nicht !
Mein Vater kam zu mir , ich dachte ich könnte mir jetzt eine Moralpredigt anhören ..
Er hob den Kopf auf und fragte wie denn was vernäht werden müsste …und nähte mir das . Geknüpft hab ich es dann selbst !
Das werde ich niemals vergessen und ich bin ihm sehr dankbar dafür .

Es gibt soviele Anekdoten …
Aber auch sehr traurige Gespräche finden statt , über seine Ängste und Gedanken oder auch das schwerste Gespräch meines Lebens , wie es weitergehen soll wenn er es nicht mehr selbst entscheiden kann .

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Nachtrag:
Ich fing diesen Artikel schon letzte Woche an zu schreiben .
Nun ist es anders gekommen .
Gestern sollten eigentlich die Hilfsmittel geliefert werden .
Das mussten wir absagen .
An ein nach Hause kommen ist im Moment gar nicht zu denken .

Mein Vater war eigentlich gegen eine Chemo Therapie , was ich auch total verstehen kann .
Der ganze Krebs ist auch mit der Chemo Therapie nicht heilbar , es könnte nur dazu führen das sich sein Leben auf einige Wochen , vielleicht auch Monate verlängert .

Mir persönlich hats schon stark zu denken gegeben als mein Vater mir eines Tages sagte , das der Arzt bei der Visite ihn so begrüsst hat : “ Guten Morgen Herr X , schön das ich sie alleine antreffe und ihre Tochter nicht hier ist .“
(Warum der Arzt mich nicht leiden kann ist mir bewusst ! Weil ich zu viele kritische Fragen stelle !
Mir ist bewusst , das ein Arzt beraten muss und alle Möglichkeiten einer Behandlung vorschlagen muss .
Aber es sollte doch schon ziemlich neutral sein und er sollte nicht nur die Vorteile sondern auch die Nachteile einer Behandlung erwähnen und das nicht  verharmlosen . )

Nun hat mein Vater eine Chemo probiert und es geht ihm wieder richtig schlecht .

Ihm ist alles zuviel . Diese Unruhe im Krankenhaus , es ist ein rein und raus im Krankenzimmer .

Unmöglich finde ich , das man in seinem Zustand noch einen Neurologen ins Zimmer schickt , der im kleinsten Detail erklärt das man gerne versuchen würde den Gehirntumor zu operieren .

Mein Vater ist doch kein Versuchskaninchen !
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Zum Glück kann er noch klar denken und hat den Arzt weg geschickt .

Er will weder eine weitere Chemo , noch Bestrahlung , geschweige denn eine OP.

Er möchte nur noch palliativ behandelt werden und einfach mal etwas zur Ruhe kommen .

Gestern wurde alles dazu in die Wege geleitet .
( Gut das ich mich schon in den letzten Wochen dazu belesen und informiert habe und mir auch schon Einrichtungen angesehen habe . )

Mein sehnlichster Wunsch ist , das es so schnell wie möglich mit einem Platz klappt .
Damit er endlich etwas zur Ruhe kommt und einfach noch eine möglichst schöne Zeit verbringen kann !
Ich werde alles dafür tun !
Das bin ich dem besten Vater der Welt einfach schuldig !
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Es ist die schwerste Zeit meines Lebens!

Anja