Aus dem Simulantenleben ☺

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Nein , ich bin wirklich eher ein Morgenmensch .
Besonders solche Fotos kann man am besten morgens machen .
Dieses ist nicht schön bearbeitet , die Farben waren wirklich vor ca einer Stunde genau so .
Traumhaft ! Über solche Anblicke freue ich mich .
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Manchmal frag ich mich , ob Leute im Rollstuhl auch öfters gefragt werden :“ Können sie eigentlich noch was laufen ? Warum sitzen sie denn im Rollstuhl ? “

Uns passieren häufiger solch komische Dinge .
Zuletzt wieder vor ein paar Tagen.
Der Azubi in einer Bankfiliale kommt auf mich zu und fragt wie er mir helfen kann .
Ich trage mein Anliegen vor .
Die Kollegin sagt ihm er solle mich ‚platz‘ nehmen lassen und dem Herrn X Bescheid sagen.

Azubi bringt mich zum Sitzplatz , bleibt noch einen kleinen Moment vor mir stehen , glotzt mich an , man sah förmlich das er etwas überlegte …dann fragte er, wortwörtlich :‘ Sehen sie eigentlich noch was ? ‚

Ich antwortete ihm : ‚Ja , ich hab einen kleinen Sehrest . Ich seh eine kleine Fläche , ich hab einen Mini Tunnelblick .‘

Er: ‚Achso , dachte ich es mir doch (eine Simulantin 😂) Sie sahen nämlich eben so aus als ob sie mich sehen würden ! Und ich wunderte mich über ihren Stock und den Hund ! ‚

Ich : ‚ Ja , ich sehe auch ‚Teile ‚ von ihnen , aber ich übersehe auch viel , durch dieses kleine Gesichtsfeld und der Stock und der Hund sind nicht nur zum Spass oder als modisches Accesoire da !

Dann kam der Satz , den ich in den Jahrzehnten die ich schon mit dieser Augenerkrankung lebe hunderte male gehört habe und der mich in meinen innersten Tiefen zum explodieren bringt :

SIE SEHEN ABER NICHT SO AUS !

Auf diesen Satz reagiere ich gar nicht mehr , denn wenn ich erstmal anfange , könnt ich explodieren .
Wie hat man denn als Sehbehinderter Mensch auszusehen ?
Unmöglich gekleidet ? Hässlich ? Fettige ungepflegte Haare ? Muss man auf allen vieren kriechen ?

O.k.in diese Schublade pass ich nicht !

Soll man diesen Satz als Kompliment aufnehmen ?
Man wirkt nicht so behindert wie man ist ?

Ich hab schon oft drüber geschrieben . Ich erkläre es immer wieder …
Ja , es mag komisch wirken wenn jemand als ‚blind ‚ gekennzeichnet ist ..aber noch was sieht .
Aber…wenn ich mich nicht kennzeichnen würde , dann wäre ich schon x mal von Radfahrern umgefahren worden , die einfach auf dem Gehweg rumrasen und ich könnte mich täglich x mal bei Personen entschuldigen und rechtfertigen wenn ich sie über den Haufen renne oder anrempel.

Das Leben zwischen SEHEN und BLIND , ist manchmal echt nicht so einfach !

Ich kenne Menschen die auch diese Aufenerkrankung haben und nur noch einen kleinen Sehrest , die sich in der Öffentlichkeit blinder stellen als sie sind und das sind keine Einzelfälle .
Warum ? Damit erspart man sich alle Erklärungen und Rechtfertigungen . Man bekommt dann solche Fragen nicht gestellt .

Aber , das sehe ich für ‚mich‘ gar nicht ein .
Ich geniesse meinen Sehrest täglich , ich fotografiere gerne , ich male gerne …ich mache vieles gerne und ich werde dies auch so lange es geht und möglich ist weitermachen , egal ob ‚die Leute ‚ mich für eine Simulantin halten oder nicht , egal ob man das als Sehbehinderte machen darf oder nicht .

Und nun zum Schluss noch ein Simulanten Zentangle Artwork
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Ein schönes Restwochenende wünscht
Die Simulantin
Anja

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21 Kommentare

  1. Doch, ich glaube wirklich, dass ein großer Teil die Beurteilung „Sie sehen gar nicht danach aus“ als Kompliment meinen. Für sie ist die Anpassung an das, was sie als normal definieren, eine Leistung. Wir strengen uns an und es gelingt uns, also muss das gelobt werden. Dass aber vielleicht ihr Ideal gar nicht das Ziel der Behinderten ist oder gar nicht geleistet werden kann, darauf kommen sie nicht. So ist der Spruch kein Lob, sondern eine Bevormundung.

    Ich kenne den Spruch auch, werde damit aber Gott sei Dank viel weniger belästigt als ihr. Ich bin „richtig“, wenn ich so wirke wie die Normalen. Aha. Die andere Seite derselben Medaille sind jene Mitmenschen, die schlichtweg abstreiten, dass wir eine Behinderten haben. Das sind die Experten (die Welt ist voll davon): „Nein, DU doch nicht.“ Also heißt das, wir nehmen ungerechtfertigterweise eine Behinderung für uns in Anspruch, damit wir uns darauf ausruhen können und Vorteile daraus ziehen. So so. Solange man nicht im Rollstuhl sitzt oder ein amputiertes Bein hat, bleibt man immer ein potentieller Simulant.

    Und ganz übel nehmen Sie’s einem, wenn man sich obendrein weigert, ihrem Bild vom devoten Behinderten zu entsprechen. Frag mal jemanden genauso erstaunt, wie er dich gerade beurteilt hat, wieso er denn keinen Blindenhund führen und kein so gutes Gehör hätte wie du – das kann man doch wohl verlangen! Das ist doch Grundausstattung der menschlichen Leistung! Was meinst du wohl, wie blöd der aus der Wäsche guckt.

    Okay, hört sich nach Intoleranz an, aber ich kann jeden Betroffenen verstehen, der die ewige Leier, wie man mit ihm umspringt, satt hat. Echtes Interesse kann man von Vorurteilen unterscheiden. Ab und zu muss man aufrüsten und eventuell ein bisschen drastisch werden, sonst bleiben wir die unmündigen Kindern, zu denen man uns gern macht – und sei es aus Ignoranz.

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  2. Liebe Anja,
    das Problem ist, dass wir „Normalen“ uns viel zu wenig mit verschiedenen Beschränkungen auseinandersetzen.

    Ich z.B. habe in meinem Leben viel öfter (und zufällig) mit Gehörbehinderten zu tun gehabt (Tante, Kolleginnen) als mit Sehbehinderten und habe verschiedenste Vorurteile gehört (sie sind alles gute Menschen (nein, sie sind ganz normale Menschen, wo es gute und weniger gute gibt), bis zu geistig behindert (die Kollegin war Spastikerin, aber nicht geistig behindert).

    Die Problematik ist, dass wir viel zu wenig von den Schwierigkeiten wissen. Gehörbehinderte etwa haben eine andere Sprache (Gebärdensprache) und können nicht unbedingt mit allem, was „Normale“ sagen, was anfangen. Das wurde mir bewusst, als mich eine andere Kollegin nach Liebesgedichten für ihren Freund fragte. Die Gedichte Erich Fried sagten ihr nichts. Ich lernte, dass Wörter tatsächlich auch die Welt, wie ich sie mir vorstelle, prägt. Und Gehörbehinderten sieht man nichts an. Das macht es echt schwer. Dass sie erst viel später als Sehbehinderte begannen, Universitäten zu besuchen, hat nichts mit ihrem IQ zu tun, sondern mit dem Unverständnis, wie man sie in Schulen unterrichtet. (In Österreich wurden sie lange Zeit NUR mit Lautsprache unterrichtet, was entsetzlich ist, niemand kann sich stundenlang so konzentrieren). Eine andere Kollegin wollte den Mittelschul-Abschluss machen und wir lernten mir ihr. War das nun ihr Fehler oder der Fehler ihrer Lehrer, dass sie es nicht in der Schule schaffte?

    So habe ich gelernt, wie unterschiedlich die Welten sind, in denen wir leben, von der wir glauben, sie seien eine.

    Aber ich hatte auch einen Freund, der auf einem Auge sehr wenig sah (durch eine Kinderkrankheit) fragte mich und auch ihn direkt, wie es ist, nicht 3-dimensional sehen zu können. Er konnte es nicht erklären, schließlich kann ich auch nicht erklären, wie es ist dreidimensional zu sehen. Ich denke, es ist notwendig miteinander zu sprechen und unsere Grenzen kennenzulernen.

    Ob das der Begriff des Tunnelblicks oder durch ein Schlüsselloch schauen ist, oder Besuch einer Ausstellung, wo alles stockdunkel ist oder so wie ich es machte, dass ich durch einen Lavatunnel ging, wo es tatsächlich schwarz war und ich nur durch den Blitz der Kamera schaute, um zu wissen, wo ich den nächsten Schritt hinsetze soll. Das alles hilft ein klein wenig, diese andere Welt zu verstehen.

    Entschuldige, dass es so lange geworden ist, aber ich spreche immer wieder mit Menschen und versuche diese Schwierigkeit zu erläutern, aber auch zu begreifen. Und da sind wir auf euch angewiesen, wir können nur von euch lernen, wie es ist, wenn ein Sinn anders funktioniert wie wir es gewohnt sind. Dazu gehört auch, dass viele nicht wissen, dass es, egal ob Seh- oder Gehörbehinderte, unterschiedliche Stufen gibt, was und wie man sieht oder hört.

    Alles Liebe
    Ruth
    ps. cool, dass du zentanglest. Ich habe meine Malerei in letzter Zeit intensiviert, und es wird zentangelt bunt. (http://www.ruthbarbaralotter.com/ruthmalt/)

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Ruth
      Vielen Dank für das ausführliche Kommentar. Mit einer Hörbehinderung zu leben stelle ich mir richtig schwer vor , vielleicht ist es aber auch nur weil es für mich ungewohnt ist .
      Ja , es gibt eigentlich von allen Behinderungen verschiedene Stufen , darum schreibe ich auch immer mal wieder drüber , bei jedem mal , öffnet man ein paar Menschen die ‚ Augen‘.
      Das du malst , hatte ich gar nicht mitbekommen . Tolle Kunstwerke . Am besten gefiel mir dein Satz , Zitat : „Kunst ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst.“
      Sehr gut!!!!
      Liebe Grüsse Anja

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  3. Hallo Anja,
    normalerweise bin ich ja auch ein Morgenmuffel, aber heute plagt mich eine Allergie und meine Nase hat mich schon um 5 geweckt. 😦
    Danke fuer Deine vielen Erklaerungen ueber Deine Krankheit, und wie Ihr und andere Menschen damit umgeht. Es hilft mir im Verstaendnis und im Umgang mit Behinderten sehr.
    Macht’s gut, und noch einen schoenen Restsonntag,
    Pit

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  4. Liebe Anja, Danke für diesen Einblick von deiner Warte, ich versuche immer auf alle Menschen gleich zuzugehen, mache keine Unterschiede, Mensch ist Mensch, aber ich glaube auch, dass viele Menschen, wie man bei dir auch lesen kann, nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

    Schön, dass du darüber schreibst – Danke und liebe Grüße von der Ostsee !

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  5. Nee ich bin kein Morgenhund…. ich könnte stundenlang schlummern…
    Ich finde es gut, wie offen du damit umgehst. Wie schon als Kommentar geschrieben, man weiß einfach viel zu wenig über gewisse Dinge. Und lieber blöd fragen als blöd dastehen 😉
    Aber auch meine Vi wird ständig mit solchen Sätzen bezüglich mir vollgetextet… einfach lachen und sich seinen teil denken …

    Schlabbergrüße Bonjo

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  6. Hallo Anja, es ist so toll, wenn du solche tolpatschigen Sätze, die ganz selten böse gemeint sind, oft nur gedankenlos oder unbedarft sind, wenn du die als Kompliment nehmen kannst. Und genieße jedes Zipfelchen deiner Hornhaut, die dir noch schöne Bilder beschert.
    Einen vierten Hut zum Ziehen kann ich leider nicht mehr auftreiben – aber deine Hundeportraits werden immer gekonnter.
    Lieben Gruß von Clara

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